Am 12 02. 2009 erschien in „Zeit-Online“ der Artikel „Mutlos links“, der den „Wechsel der Windrichtung“ beim Wochenblatt „Der Freitag“ thematisierte und auf das Abwracken eines Flaggschiffs linker und aufklärerischer Meinungsmedien aufmerksam machen wollte. „Auf die akute Frage, was heute links sein könnte, antwortet man am einfachsten, indem man erklärt, wo früher schon links war.“, so wurde prägnant „Der Freitag“ beschrieben. Dass die damalige, aus linker Sicht talwärtige Tendenz noch derart komparabel wäre, hätten wenige „geglaubt“, womit wir beim Thema sind.
“Geglaubt” wird beim heutigen „Der Freitag“ vieles. Teilweise tobt in dessen Community förmlich ein „Glaubenskrieg“. Zur Stunde findet z.B. in den zwei Blogs „Ist Jesus Gott?“ und „Der kleine Anti-Muhabbetci“ ein „Wettglauben“ statt, ein Verhalten, das dem rational und kausal denkenden Menschen des 21. Jahrhunderts Hohn spricht.
Ein harter Kern von Stammbloggern glaubt, dass er glaubt. Dieses Glauben zweiter Ordnung sitzt nun schon etwas tiefgründiger, sessiler in dem materielosen Fundament, so wird geglaubt. Tatsache ist, dass sich dadurch nicht die Erkenntnis, sondern nur die Inbrunst steigern lässt. Ein wesentlicher Fortschritt gegenüber den brennenden Fragen, die von den Scholastikern im Mittelalter eingehend ventiliert wurden von der Qualität „Wie viel Engel passen auf eine Nadelspitze?“, kann im heutigen „Freitagsbibelkreis“ nicht ausgemacht werden.
Zur Verdeutlichung der „Qualität“ und des Blog-Niveaus der überregionalen deutschen Wochenzeitung „mit linksliberaler Ausrichtung“, hier wenige Beispiele:
„Ich hatte mit der Dreifaltigkeit nie Probleme.“
„Jesus als Teil der Dreifaltigkeit, freilich trägt all unsere Schuld, weil er uns alle trägt als Gott.“
“Bloß weil die Bibel offenbartes Wort Gottes ist, muss da nicht alles “wörtlich” drin stehen. Die menschliche Auslegung ist Teil des göttlichen Willens.“
„Interessanter…[]…scheint mir der christliche Glaubenssatz zu sein, dass Jesus sich als Mensch für das Heil der Menschen geopfert habe, um dann wieder zu Gott aufgefahren zu sein.“
„Ich sage, eine Religion die nicht mit Logik fassbar ist, ist eine irre Religion.“
„…keine Schlachtung darf einem Tier unnötig leid zufügen.“
usw.
Mit welcher Ernsthaftigkeit in dieser Freitagscommunity verstaubte Glaubensartikel „diskutiert“ werden, ist für Menschen, die ihren Interessensschwerpunkt mehr auf Anthropologie als Esoterik legen, unverständlich.
Die Auffassung Schmidt-Salomon`s kann hier, in leicht modifizierter Form, wie folgt geteilt werden: Humanistische und aufklärerische Werte, die in diesem Staat wünschenswert wären, können weder dem Judentum, noch dem Christentum, noch dem Islam entstammen. Es darf nicht vergessen werden, dass die Demokratie im antiken Griechenland erfunden wurde und nach der Machtübernahme des Christentums für ein Jahrtausend von der politischen Bühne verschwand. Ebenso die Werke der modernen Demokratietheoretiker, etwa die Schriften Rousseaus zur Volkssouveränität oder Montesquieus zur Gewaltenteilung, bald nach ihrem Erscheinen auf dem Index der verbotenen Schriften der katholischen Kirche landeten. Bis ins 21. Jahrhundert hinein tun sich die „großen Glaubensströmungen“ vorwiegend dadurch hervor, dass sie Menschenrechte als „gotteslästerliche Anmaßung des Menschen“ verunglimpften. Für die Entwicklung eines modernen Rechtsstaates ist nicht der Einfluss des Christentums, sondern vielmehr die Befreiung von ihm entscheidend. Es war ein kluger Schachzug der Aufklärungsbewegung, den Herrschaftsbereich des Glaubens mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zu verbannen und Religion zur Privatsache zu erklären. Hinter diesen Stand der kulturellen Entwicklung dürfen wir heute keineswegs zurückfallen. Vielmehr gilt es, die unvollendete Trennung von Religion und Politik, weg von einer Ingroup-Outgroup-Normierung, weiter auszubauen.
Die dazu konträre Entwicklungstendenz in der Wochenzeitung „mit linksliberaler Ausrichtung“ lässt nichts Gutes ahnen und verstärkt nur noch den „Verwesungsgeruch“, einen süßlich Moschus-artigen Duft vermischt mit dem Geruch von alterndem Fleisch.
Dass es so sinnvoll wie ein Kropf ist, sich mit „Menschen des Glaubens“ argumentativ auseinander zu setzen, das zeigt Freerk Huisken von der Uni Bremen auf. Er analysiert Gläubige folgendermaßen:
„Wenn Menschen gläubig sind, dann verabschieden sie sich vom ihrem eigenen prüfend urteilenden Verstand. Sie ersetzen ihn durch den Beschluss, ihr Leben im Großen und im Kleinen als Werk eines erfundenen Höchsten zu deuten. (Verstandesverachtung)
Gegen diesen ihren Beschluss lässt sich nicht argumentieren. Ohne dem Verstand zugängliche, nachprüfbare Gründe anzugeben gilt der Beschluss, weil sie sich zu ihm durchgerungen haben. Deswegen gilt er für sie auch generell und absolut, d.h. eben nicht nur für sie, sondern für alle. (fundamentalistischer Größenwahn)
Folglich wird die Welt aufgeteilt in Gläubige und Ungläubige, die deswegen so heißen, weil sie nicht wahrhaben wollen, was selbstverständlich auch für sie gilt, dass nämlich auch ihr Leben in den Händen des Allerhöchsten liegt. Die erfundene Sicht der Welt ist der Maßstab, an welchem die Gläubigen die Welt sortieren. (Selbstgerechtigkeit)
Indem der gläubige Mensch die Erfindung eines Allerhöchsten teilt, dessen Wille geschehe, macht er diese Erfindung nicht nur zu seiner eigenen, sondern unterwirft sich aus freien Stücken diesen seinen Hirngespinsten. Die gläubige Deutung der Welt wird damit von geistigen Zwangshandlungen beherrscht, die an Formen von „Verrücktheit“ heranreichen.[1] (Glaubenswahn)“
[1] Bei jedermann, der sich als Napoleon imaginiert und die Welt um sich herum als seinen Hofstaat betrachtet – von dem die ungläubige Welt, wie er schlau weiß, keine Ahnung hat – wäre so ein Urteil kein Sakrileg.

